Auf den zweiten Blick. Bedeutendes spätmittelalterliches Gebäude in Mainz entdeckt.

Im Rahmen der seit 2016 laufenden Instandsetzung des auf den ersten Blick unscheinbaren Wohnhauses in Himmelgasse 1 sind wichtige bauhistorische Erkenntnisse zu Tage getreten.
Himmelgasse 1. Im Vordergrund Augustinerstraße 50.Quelle: Foto Untere Denkmalschutzbehörde Mainz

Himmelgasse 1. Im Vordergrund Augustinerstraße 50.Quelle: Foto Untere Denkmalschutzbehörde Mainz

Hofseite Himmelgasse 1 mit Darstellung der nördlichen bauzeitlichen Zugangs- und Fenstersituation nach 1367. Quelle: Büro für Historische Bauforschung Frank & Mielke GbR

Hofseite Himmelgasse 1 mit Darstellung der nördlichen bauzeitlichen Zugangs- und Fenstersituation nach 1367. Quelle: Büro für Historische Bauforschung Frank & Mielke GbR

Reste einer spätmittelalterlichen Raumgestaltung (wohl des 15. Jhs.) in einer Schablonen- bzw. Stempeltechnik, Nordwand eines Raums des 1. OG. Quelle: Restauratorin Brigitte Schön, Ober-Hilberseheim.

Reste einer spätmittelalterlichen Raumgestaltung (wohl des 15. Jhs.) in einer Schablonen- bzw. Stempeltechnik, Nordwand eines Raums des 1. OG. Quelle: Restauratorin Brigitte Schön, Ober-Hilberseheim.

Das Gebäude erstreckt sich von der Augustinerstraße hinein in die heute als Sackgasse endende Himmelgasse, die ursprünglich als Teil der Wegeführung zur Weingartspforte mit dem Rheinufer verbunden war. Obwohl das jetzige Erscheinungsbild im Wesentlichen barockzeitlich ist, war schon länger bekannt, dass es sich zumindest beim Bauteil an der Himmelgasse um die Reste des ehemaligen Sponheimer Hofes handelt. Reste von gotischen Kreuzstockfenstern sowie die hofseitigen Arkaden bekräftigten dies. Bei einer ersten Begehung durch Mitarbeiter der Unteren Denkmalschutzbehörde und der Denkmalfachbehörde fiel ein steinernes Königsköpfchen an einer Konsole im Bereich der gewendelten Holztreppe auf, dessen ehemalige Funktion rätselhaft war. Weiterhin erregten Verblattungen an der sehr steilen hölzernen Dachkonstruktion sowie die Lisenen im Speicherraum das Interesse. Aufgrund dieser Beobachtungen beauftragte die Landesdenkmalpflege eine umfangreiche Bauaufnahme sowie eine genaue Bauforschung mit dem Ziel der Erstellung eines Baualtersplans. Nach einer Ausschreibung wurde ein geeignetes Bauforschungsbüro gefunden. Hierdurch konnten wertvolle Erkenntnisse zur Baugeschichte des Komplexes gewonnen werden, die auch für ein weiteres Publikum von Interesse sind. Mittels dendrochronologischer Untersuchungen wurde klar, dass das Gebäude im Jahre 1367 (d.) oder kurz danach erbaut wurde und sogar das ursprüngliche Dachtragwerk erhalten geblieben ist. Die bauzeitlichen Kellergewölbe erstrecken sich auch unter den zwischen 1594 und 1625 entstandenen Halbgiebelhäusern in der Augustinerstraße 50 und 52. Auf der Hofseite gab es offene Arkaden, so dass es ähnlich wie eine Marktlaube gewirkt haben dürfte. Wie die Nordseite des Erdgeschosses ursprünglich beschaffen war, ließ sich nicht mehr klären, hier hat es 1735 (d.) stärkere Eingriffe gegeben. Das Gebäude in der Himmelgasse wies auf der nördlichen Hofseite eine Außentreppe auf, die über einen Hocheingang einen saalartigen Raum im ersten Obergeschoss erschloss. Im Rahmen des Baufortschritts kam es zu Bauteilöffnungen und der Entfernung von Verkleidungen. Hierdurch wurde aufgrund von Farbspuren die Beauftragung von restauratorischen Befunduntersuchungen notwendig. Neben den zahlreichen Befunden aus der Barockzeit haben sich beispielsweise auch Reste von Farbfassungen der Innenräume aus dem 15. Jahrhundert erhalten. Im Einzelnen gibt es einen senkrechten Rapport aus ursprünglich roten und grünen vertikal verlaufenden Mustern als flächendeckende Wandgestaltung auf kalkweißem Hintergrund. Dabei handelt es sich um extrem ein seltenes Beispiel einer profanen spätmittelalterlichen Raumgestaltung, die möglicherweise im Kontext der Schadensbeseitigung am Haus nach Zerstörungen während der Mainzer Stiftsfehde 1459-1463 entstanden sein könnte. Im Rahmen der schrittweisen raumbezogenen Instandsetzung dürften noch weitere Überraschungen zu erwarten sein.

Markus Fritz-von Preuschen



GDKE