Arbeiten und Gedenken, Beten und ‚Baden‘. Der Stein´sche Turm am Schloss in Nassau

Im Zuge der Modernisierung des Nassauer Schlosses entschloss sich Reichsfreiherr Heinrich Friedrich Karl vom Stein 1814 nach Plänen von Johann Claudius von Lassaulx (1781–1848) sowie Christian Zais (1770–1820) den Schlossbau zu erweitern.
Nassau, Schloss Nassau, Stein´scher Turm, Außenansicht nach der Abschluss der Maßnahme 2017. (Alexandra Fink, Direktion Landesdenkmalpflege, GDKE, Mainz, 2017)

Nassau, Schloss Nassau, Stein´scher Turm, Außenansicht nach der Abschluss der Maßnahme 2017. (Alexandra Fink, Direktion Landesdenkmalpflege, GDKE, Mainz, 2017)

Nassau, Schloss Nassau, Stein´scher Turm. (Alexandra Fink, Direktion Landesdenkmalpflege, GDKE, Mainz, 2017)

Nassau, Schloss Nassau, Stein´scher Turm. (Alexandra Fink, Direktion Landesdenkmalpflege, GDKE, Mainz, 2017)

Unter Mitwirkung des Bauherrn entstand in Nassau an der Lahn mit dem Stein´schen Turm eine der frühesten neugotischen „altdeutschen“ Architekturen, die dem Wunsch des Reichsfreiherrn entsprechend vor allem dem Andenken der Freiheitskriege gewidmet war. Im Jahr 1827 war der Turm vollendet.

Über oktogonalem Grundriss errichtet, erhebt sich der Turm in drei Geschossen und schließt mit einer in neugotischen Maßwerkformen verzierten Brüstung ab. Die Fassaden gliedern spitzbogige Maßwerkfenster sowie an der Ost- als auch an der Westwand des Turms je ein Stufenportal, über dem im mittleren Geschoss ein Balkon angeordnet ist. Zu beiden Seiten der Portale und im Obergeschoss sind als Flachreliefs ausgeführte Figuren angebracht. Die Skulpturen des Kölner Bildhauers Joseph Imhoff, nach Entwürfen von Maximilian Fuchs ausgeführt, zählen zu den frühesten neugotischen Plastiken Deutschlands.

In einer ersten Planungsphase sollte das Erdgeschoss neben den erhaltenen rituellen Marmorbädern, die für die rituelle Reinigung vor der Gedenkfeier im Obergeschoss bestimmt waren, eine vom Schlosspark her zugängliche Kapelle aufnehmen, die jedoch nie vollendet wurde. Im Obergeschoss wurde das Arbeitszimmer des Freiherrn eingerichtet, das als achteckiger Raum in den Turm eingestellt und mit einem Sterngewölbe überwölbt wurde. Die Wände sind mit einer Holzvertäfelung versehen, hinter der Bücherschränke eingebaut sind, die den umfangreichen Bestand der Arbeitsbibliothek des Freiherrn bergen. Die Schildbögen unter dem Sterngewölbe zieren in Ergänzung der Maßwerkfenster hölzerne Maßwerkformen, in die Porträts geschichtlicher Persönlichkeiten eingefügt sind. Der oberste sterngewölbte Raum ist dem Andenken an die Befreiungskriege gewidmet. Die Ehrenhalle beherbergt von Christian Daniel Rauch geschaffene Büsten der drei Souveräne der Hl. Allianz. In der Mitte des prächtig sternenförmig verlegten Fußbodens ist das Eiserne Kreuz mit dem Wahlspruch der preußischen Landwehr eingelassen. Die aufwendig gestalteten Maßwerkfenster der Ehrenhalle wurden aus Gusseisen gefertigt.

2011–2012 wurden intensive Voruntersuchungen an der Bausubstanz und der bauzeitlichen Ausstattung durchgeführt und durch eine Literatur- und Archivrecherche begleitet, die umfangreiche Daten zum Bestand des Turms und seinen bauzeitlichen Redaktionen lieferten. Die Untersuchungen zeigten, dass sich große Teile der ursprünglichen Ausstattung des Baus in stark angegriffenem und gefährdetem Zustand befanden. Die Untersuchungen lieferten darüber hinaus eine dichte Befundlage zur bauzeitlichen Farbgestaltung. Diese ermöglichte, den Turm und seine Ausstattung wieder in der Farbigkeit des frühen 19. Jahrhunderts und zu einer harmonischen Geschlossenheit zusammenzuführen.
Vor Beginn der Maßnahme in der Ehrenhalle wurde die wertvolle Arbeitsbibliothek des Freiherrn im Arbeitszimmer dokumentiert und fachgerecht ausgelagert. Die die Substanz akut gefährdenden Schadensbilder wie der Pilz- und Schwammbefall am Fußboden der Ehrenhalle sowie die Rostsprengungen an den Fenstern wurden restauratorisch bearbeitet und die Raumfassung der Halle nach Befund angelegt. Der flächenhaft hohl stehende zementhaltige Fassadenputz wurde abgenommen, das Mauerwerk neu verputzt und nach  Befund gebrochen weiß gefasst. Die umfangreichen Schäden an den Malschichten der Gemälde im Arbeitszimmer wurden in der Werkstatt der beteiligten Restauratoren gesichert, die Gemälde gereinigt sowie deren Konstruktion ertüchtigt und die Hintergründe der Bogenfelder in ursprünglicher Farbfassung wieder hergestellt. „Krepierte“ Überzüge auf der hochwertigen Holzausstattung des Zimmers wurden schonend abgenommen und erneuert, Vergoldungen zurückhaltend ergänzt, das bauzeitliche Parkett aufgearbeitet. Auch der Mechanismus, der es vom Stein ermöglichte, seine Bibliotheksschränke zu begehen, wurde wieder in Funktion gebracht. Die Marmorbäder im Erdgeschoss erhielten eine Neufassung nach Befund und der erhaltene Lahnmarmorboden wurde zurückhaltend gereinigt und gesichert. Die Entscheidung über die künftige Nutzung des in der Stein´schen Planung als Kapelle geplanten Raumes im Erdgeschoss fiel schließlich erst spät im Verlauf der Maßnahmen. Sie führte zurück zum Ursprung des Entwurfs des Freiherrn: der lange als Archiv und Abstellkammer genutzte unvollendete Raum wurde nach 200 Jahren als Kapellenraum mit flacher dreiseitiger Apsis auf der Grundlage der erhaltenen Pläne Lassaulx‘ ‚vollendet‘. Erst im Herbst 2017 kehrte auch die Bibliothek wieder in das Arbeitszimmer des Reichsfreiherrn im Stein´schen Turm zurück. Nur wenige schadhafte Bände befinden sich vor ihrer Rückkehr nach Nassau noch „in restauro“.

Als Arbeits- und Gedächtnisturm stellt der Stein´sche Turm am Schloss in Nassau an der Lahn eine einzigartige und bedeutsame Schöpfung dar, deren umfassende geistige und gestalterische Idee durch den Reichsfreiherrn vom und zum Stein inspiriert wurde. Mit seiner wieder hergestellten Farbigkeit des frühen 19. Jahrhunderts zeigt sich der Turm wieder als ein herausragendes Zeugnis früher deutscher Neugotik, an dem Vorstellungen und Intentionen des berühmten Bauherrn noch heute ablesbar sind.
 
Alexandra Fink



GDKE