Kleinod der Industriegeschichte: Die Uhrketten- und Bijouteriewarenfabrik Bengel in Idar-Oberstein

Passend zum Motto „Industriekultur“ des diesjährigen Kultursommers wurde nach rund 15-jähriger Planungs- und Sanierungsphase im Mai 2018 die Uhrketten- und Bijouteriewarenfabrik Bengel in Idar-Oberstein wiedereröffnet.
Idar-Oberstein | Bild: Maria Wenzel

Idar-Oberstein | Bild: Maria Wenzel

Idar-Oberstein | Bild: Maria Wenzel

Idar-Oberstein | Bild: Maria Wenzel

Idar-Oberstein, Blick in die Fertigung | Bild: Maria Wenzel

Idar-Oberstein, Blick in die Fertigung | Bild: Maria Wenzel

Von den vielen kleinmetallverarbeitenden Unternehmen der Stadt ist die Fabrik Bengel die letzte, die diesen alten Industriezweig anschaulich vermittelt. Darüber hinaus ist sie neben der Ott-Pauserschen Fabrik in Schwäbisch-Gmünd vermutlich die einzige so vollständig überkommene Anlage dieser Art in Deutschland und damit überregional bedeutsam.

Der hochspezialisierte Industriekomplex ist mit allen Funktionszusammenhängen des Arbeitens und Wohnens lebensnah und anschaulich wie selten erhalten. Als Keimzelle wurde das Fabrikgebäude mit Wohnung 1873 durch den Schlossermeister Jakob Bengel erbaut. 1890 kamen die Arbeiterwohnungen hinzu, 1910/11 das repräsentative Wohnhaus mit Garten und 1932 eine Halle für Kettenproduktion im Hof. Bemerkenswert ist vor allem die weitgehend erhaltene Ausstattung in allen Bereichen, angefangen von den verschiedensten, funktionsfähigen Maschinen über Poliertrommeln, Gesenke und Musterbücher in der Fabrik bis hin zu Fußböden, Türen, Stuck und Tapeten in den Wohnbereichen.

Die 2001 gegründete und seit 2010 kommunalisierte Stiftung Jacob Bengel hat es sich zum Ziel gesetzt, die Fabrik zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach ersten dringenden Sicherungsarbeiten an Statik und Dach wurde ab 2008 ein professionelles Konzept für Betrieb und Vermittlung entwickelt. Dabei wurde die einzigartige Verbindung von Fabrikdenkmal, historischer Schmuckfabrikation, historischem  Modeschmuck und zeitgenössischem Autorenschmuck in den Vordergrund gestellt. Die „Fabrik wie ein Museum“ wird daher ergänzt durch eine Dauerausstellung zur Obersteiner Schmuck-und Metallwarenindustrie im 19. und 20. Jahrhundert sowie durch Wechselausstellungen über modernen Schmuck.

Für die Wiedereröffnung war es notwendig, die gesamte Haustechnik auf den neuesten Stand zu bringen, einschließlich Heizung, Beleuchtung, Brandschutz usw. Neue Einrichtungen für den Besucherverkehr mussten geschaffen werden, so der Empfang mit Garderobe und Aufenthaltsbereich, aber auch Toiletten und ein behindertengerechter Zugang. Vor allem aber galt es, die Ursprünglichkeit und Authentizität der Fabrik zu bewahren. Ein gepflegter Gebrauchszustand wie am Freitagabend in einer Fabrik war neben dem Erhalt der umfangreichen Alterungsspuren die Leitlinie bei der Wiederherstellung. Ein neu wirkendes, sauberes Erscheinungsbild sollte gerade nicht erzielt werden, da es die Anmutung des durch Arbeit und Lärm geprägten Industriebetriebes verfälscht hätte. Als verbindliche Zeitschiene einigte man sich darauf, die letzte „Blüte“ vor der Stillegung der Fabrik 1994 anzunehmen, d.h. auch jüngere Veränderungen bis zu dieser Zäsur wurden beibehalten. Wo jetzt Neues hinzugefügt werden musste, ging man so unauffällig wie möglich vor oder passte die Ergänzungen dem Fabrikcharakter möglichst an.

Als unkommentierter, nicht musealisierter Ort bewahrt die Fabrik Bengel die für Idar-Oberstein so charakteristischen komplexen Technologien der Schmuckherstellung und vermittelt anschaulich einen nahezu vollständig untergegangenen Industriezweig.   

Maria Wenzel



GDKE